Ich gehe davon aus, dass der Punkt für "zu viel Qualität" sogar sehr schnell erreicht ist und viele hier im Forum den schon lange hinter sich haben und mit Verbesserung der Videoqualität eher dagegen arbeiten.
Bei uns merke ich das auch ständig, und wir sind da ein sehr gutes Beispiel, weil wir beides machen. Wir haben sehr simple und schnell produzierte trashige Videos, und sehr aufwendige Videos. Von einer Bearbeitungszeit von ein paar Minuten bis 3-stellige Stundenzahlen ist alles dabei. Oft haben wir auch schon ähnliche Videoinhalte mal so, mal so gemacht. Wir blicken hierbeiauf grob 140 Videos zurück, also ein ganz guter Wert um erste Rückschlüsse zu ziehen.
Und, soviel spoiler ich hier schon mal: die Ergebnisse sind wirklich ernüchternd
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Beobachtungen über die Zeit:
Sobald wir in ein paar Videos hintereinander mehr "Arbeit" reinstecken fallen die Neu-Abonnentenzahlen und die Views gehen auch in den Keller (nach mehreren Videos teilweise über 50%). Die Likes werden weniger, die Kommentare weniger, das allgemeine Interesse sinkt. Sobald wir überdurchschnittlich viele "trash" Videos haben ums mal so zu nennen (also Videos wo wir das Potenzial nicht voll ausschöpfen, die im Schnitt kaum Arbeit machen etc.) steigen die Zahlen wieder mit der Menge des "Trash-Faktors" und der Trash Häufigkeit.
Dislikes sind tendenziell zu 80-90% auf den aufwendigen Videos in deutlich besserer Qualität.
Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass unser "Alles ist Möglich"-Mittwoch ohne klare Struktur durch den häufigen "Trash"-Faktor deutlich besser funktioniert als der Sonntag, wo wir ein klareres Konzept haben und die Videos im Durchschnitt viel aufwendiger und zeitintensiver sind.
Nach mittlerweile grob 150 Videos und ziemlich genau einem Jahr (morgen ist es genau ein Jahr) dieses "Experimentes" kann ich das auch in den Analytics so ablesen.
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Hier auch mal die aktuellen Zahlen im Vergleich:
aktuelles Musikvideo (weit über 70h Arbeit, technisch eins der Besten Videos des Kanals): 112 Aufrufe
15 Likes
2 Dislikes
Outtakes dazu (1-2h Arbeit maximal, technisch teilweise für was anderes als Outtakes nicht zu gebrauchen); 47 Aufrufe
16 Likes
1 Dislike
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Hier auch mal ein älteres Beispiel:
Storytime Video mit Greenscreen und Animationen (grob 20h Arbeit ca.): 85 Aufrufe
12 Likes
1 Dislike
Video vom Schnitt dazu, wo ich im Prinzip nur sage "erst schneide ich, dann key ich den Hintergrund raus, dann animiere ich, sehr oberflächlich gezeigt, also ziemlich inhaltsarm): nebenher gedreht, ca. 2h schneiden - 133 Aufrufe
20 Likes
0 Dislikes
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Oder im Musikbereich:
Musikvideo "into the sunlight" (über 50h Arbeit): 312 Aufrufe
23 Likes
6 Dislikes
Musikvideo "Alle meine Entchen - Mittelalter Rock Version" / schlechter abgemischt, grob 10h Arbeit inkl. Songaufnahme, Videoaufnahme und Schnitt: 863 Aufrufe
21 Likes
0 Dislikes
Hier klar die Aufrufzahlen sind durch den Suchbegriff bedingt sehr weit auseinander, aber interessant sind hier vor Allem die Negativen Bewertungen, Denn im Direktvergleich ist das "alle meine Entchen" technisch deutlich schlechter. Musikalisch hat es mit dem Stil, den man sich unter "Mittelalter Rock" vorstellt auch wenig zu tun. Mit "Alle meine Entchen" auch nicht mehr so wirklich viel.
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Um auch hier nochmal auf Nummer Sicher zu gehen mit meiner Aussage, weil das oben ja alles Einzelfälle mit zusätzlichen Faktoren sind:
Das Verhältnis von Trash zu Aufwendigen Videos - grob 40% der Videos sind eher "trash", grob 60% aufwendiger.
Schauen wir uns doch bei bald 150 Videos mal die Top 10 an:
1
Musikvideo drehen Tutorial für Anfänger (aufwendig)
eins der wenigen Videos wo Erfolg und Aufwand im Einklang zueinander stehen
2
PA Anlage - Aufbau und anschließen
(zwischen Tür und Angel gefilmt ohne Script, schlecht beleuchtet, mieser Ton, kein Konzept, schnell zusammengeschnitten)
Videotitel eigentlich eher irreführend. Man sieht nur wie die Anlage aufgebaut wird im Zeitraffer ohne Erklärung und mein Veranstaltungstechniker im Team erklärt kurz was da für Geräte angeschlossen sind, aber weder wirklich wie, noch warum, noch was da wirklich passiert.
Aufbau auch suboptimal, da das Ganze im Vergleich zum "Signal" falsch rum ist, sprich, wir fangen mit den Boxen an, nicht mit dem Abspiel-Gerät.
Ton mit vielen Störgeräuschen, starkem Rauschen, aufgenommen nur mit internem Mikrofon der Kamera
3
Das älteste Lied der Welt
(maximal 3h Arbeit, technisch eher beim trash)
Videotitel eigentlich nicht korrekt, ist nur der älteste Fund
Schnell zusammen geschnitten, Soundmäßig eher schlechter
4
traditionell Bogen schießen lernen
(Teil eines Großprojektes aus 8 Videos. Das Video mit der mit Abstand wenigsten Arbeit, das Video mit dem mit Abstand größten Erfolg)
Video behandelt das Thema des Titels eigentlich kaum, sondern zeigt eigentlich nur Schutzausrüstung.
Vorbereitung grob 10 Minuten
Dreh grob 20 Minuten
Schnitt weiß ich nicht mehr, war aber recht überschaubar
Ton suboptimal weil im Hintergrund die Kulisse des Projekts bereits abgebaut wird und dadurch ständig Störgeräusche im Video sind.
das zweiterfolgreichste Video aus dem Projekt liegt übrigens auf Platz 13 und hat ein ähnlich großen Aufwand gehabt.
Alle anderen 6 Videos lagen im Schnitt, bei der Vorbereitung und beim Dreh DEUTLICH drüber.
5
Odenwälder Dialekt Wörter Raten
(Vorbereitung 20 Minuten, Dreh 10 Minuten, Schnitt knapp über 1h)
Aufgenommen mit internem Kamera-Mikro, Ton entsprechend mies.
6
Krummhorn Instrumentenvorstellung (sehr aufwendig)
Gibt hier allerdings kein vergleichbares Video zu dem Thema, lebt quasi nur von der Einzigartigkeit, Interaktion mittlerweile gleich 0, generiert ausschließlich Views und in den letzten 2 Monaten ansonsten nur 2 Dislikes.
7
Alle meine Entchen
(das mit Abstand simpelste Musikvideo, wie oben beschrieben)
Das Video besteht zu 50% aus alten Aufnahmen und einfach einem 1:1 übernommenen alten Video von @DerNerdi
8
Endstufen früher und heute
(Kernaussage des Videos: damals waren Endstufen größer als heute)
Vorbereitung - 10 Minuten
Dreh - 10 Minuten
Schnitt - vllt 3h
9
"Heart´s on fire" Musikvideo
Extrem Aufwendig - wird seit einigen Monaten aber kaum noch geschaut, die Views kamen alle in recht kurzer Zeit, fällt in Zukunft also raus
10
Analog mixen Tutorial
Vorbereitung ca. 30 Minuten, Dreh ca. 20 Minuten, Schnitt vllt 3h
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Bei den Echtzeit Analytics ergibt sich ein ähnliches Bild, wobei hier die aufwendigen Videos zur Zeit ein wenig stärker vertreten sind. In der Tendenz liegen die schnell produzierten und technisch eher schwächeren Videos aber auch hier in der Masse vorne.
Das deckt sich auch mit meinem Gefühl für den allgemeinen Trend auf Youtube: Ich denke qualitativ guter Content ist ein wenig mehr im Kommen, allerdings denke ich nicht, dass es den "trashigen" Content ablösen wird. Es wird nur anteilig ein wenig mehr geschaut als noch vor 1-2 Jahren.
Auch beim Videoinhalt zieht sich das Bild so weiter durch. Die Videos mit eher weniger Inhalt gehen tendenziell deutlich besser als die mit viel Inhalt. Videos wie das zum Krummhorn sind hier eher die Ausnahme weil es halt kaum Content dazu gibt, und das Video das Einzige seiner Art ist. Vergleichbare Videos, wo es aber "simplere" Konkurrenz gibt sind tendenziell deutlich schwächer und werden oft auch deutlich schlechter bewertet.
Im VLOG-Bereich habe ich auch ähnliche Erfahrungen gemacht. Die VLOGs die tendenziell am besten gehen sind reine Handyvlogs. Sobald die Qualität in Bearbeitung steigt, oder wir vorrangig bessere Kameras benutzen steigen oft auf die Dislikes und die Views sinken, Kommentare werden auch weniger und kritischer.
Deabos durch Videos sind in der Regel nur bei Videos mit höherer Qualität
Abos durch Videos halten sich in Waage, tendieren aber eher zu den trashigen Videos oder sind über wirkliche Nieschen, die sonst nicht oder kaum bedient werden.
Abos über den Kanal tendenziell eher höher, wenn das aktuellste Video eher trashig ist. Zunehmend steigend, wenn der Anteil der trashigen Videos in den letzten Wochen höher ist.
Sobald wir ein paar Videos hintereinander haben, die qualitätiv aufwendiger sind und auch wirklich Inhalt bieten, brechen auch die Zahlen der Neuabonnenten teilweise um bis zu 60% ein. Die Phasen wo wir qualitativ hinter unseren Möglichkeiten geblieben sind waren auch die Phasen bisher mit dem stärksten Wachstum.
Momentan haben wir recht viele Videos mit eher besserer Qualität und zusätzlich sehr gutes Wetter, was zum typischen Sommerloch führt. In der Kombination sinken die Zahlen zur Zeit so massiv, dass wir momentan kurz vor dem schlechtesten Wachstum der Kanalgeschichte stehen.
Die Wachstumsstrategie, die wohl am besten funktionieren dürfte wäre "in Nieschen, wo es kaum Konkurrenz gibt, bestmögliche Qualität, überall anders eher seicht, oberflächlich und unprofessionell bleiben"
Also wir haben den Content bei uns für die nähere Zukunft jetzt bewusst etwas "seichter" geplant (auch weil wir generell mal wieder mehr Lust darauf bekommen nach den letzten Monaten und bei dem Wetter sowieso :D), und jetzt vor Allem für das entsprechende Format auch wieder mehr "trashigen" Spaß-Content produziert.
Ich gehe jede Wette ein, dass hier das Wachstum auch wieder entsprechend steigen wird.
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