Extrem interessantes Thema, weil es mich einige Jahre innerlich zerrissen hat
Kurzversion:
Ich hab ganz am Anfang gestreamt, 1-2 Jahre lang erst unregelmäßig, dann immer regelmäßiger. Und ich bin dann auf pre-recorded und massiv editieren umgestiegen, weil mir die Videoqualität einfach auch wichtig ist, es hat mir nicht gefallen, verpixelten Brei abzuliefern, der obendrein noch dauernd mit Ausfällen, Lags und allerlei anderen Problemen zu kämpfen hat. Ich hatte manchmal 20+ Zuschauer, der beste Stream war mal bei fast 100 Viewern, es lief soweit schon ganz gut, aber ich war nicht zufrieden damit. Es ist jetzt etwas mehr als ein Jahr her und ich hab damals auch viel weniger gewusst, als ich heute weiß, aber ich bereue den radikalen Schritt weg von Streamen bei Twitch zu recorded-YT absolut nicht. Und nun konzentriere ich mich erstmal auf eine Plattform, nämlich YT, ich möchte bei dieser einen Sache richtig gut werden, und daran arbeite ich. Und wenn ich meine begrenzten Ressourcen auf zu viele Dinge aufteile, dann wird keine der einzelnen Sachen gut, daher lieber erstmal eine Sache richtig machen.
Lange Version:
Warum ich weg bin von Streamen und Twitch, hin zu YT und Aufnehmen und Bearbeiten:
Livestreams erfordern eine Menge Technik, die gut und zuverlässig arbeiten muss, damit die Stream-Qualität am Ende halbwegs vernünftig ist. Für reine Talking-Head Videos mag das ganz anders aussehen, da reicht vermutlich 240p15, da kommt es nur drauf an, dass man die Stimme versteht und sieht, dass jemand mit dem Kopf wackelt. Diese Art von Content kann man vermutlich direkt von der Handy-Kamera übertragen ohne Probleme, aber mein Content, das sieht ganz anders aus.
Wenn man Abstürze, Lags, Ruckler, dauernd abfallende Video-Qualität tolerieren kann und damit zurecht kommt dauernd um diese Probleme herumzulavieren, ist streamen vermutlich ein gutes Medium. Wenn man das ganze erst einmal eingerichtet hat, wirds besser, aber ist eine Menge Fummelei bis dahin. Und diese Fummelei passt dann für diese eine Sache, dieses eine Setup, dieses eine Spiel oder halt das Talking-Head Video. Wenn man zum Beispiel als Gamer immer nur das eine Spiel spielt, fummelt man halt stundenlang, bis das läuft und bleibt dann für immer dabei. Wenn man aber wechselnde Bedingungen hat, weil man dauernd wechselnd, unterschiedliche Spiele streamen will, wird es schon schwieriger weil jedes Spiel den Rechner schonmal ganz anders beansprucht, und damit sich dann auch die technischen Rahmenbedingungen dauernd ändern, oder man braucht einen teuren extra Streaming-Rechner zusätzlich zu PC oder Konsole, was massiven Geldeinsatz bedeutet.
Halbwegs schnelles Internet brauchts ebenso, damit neben den Mobile 480p Zuschauern auch die Leute mit PC oder gutem Netz angesprochen werden können, und die möchten 1080p, bei actioreichem Content am besten 1080p60. Und da sind stabile Uploadraten von 8-10MBit oder mehr nötig. Ein familiärer Hausanschluß, wo noch andere Leute mit dranhängen, sehr riskant, weil jeder Download, jedes im Haus geschaute YT-Video etc, können für Engpässe in der Leitung sorgen, und schwubbs, stream-Qualität im Keller.
Was mich aber am Streamen auch massiv stört, ist dass Stream-Content extrem schnelllebig ist, es kann zwar sehr schnell nach oben gehen, aber wenn ein Stream erstmal ein paar Tage alt ist oder gar Wochen, dann stirbt er. Fast niemand schaut sich alte Livestreams an. Twitch zB bietet auch für die meisten Streamer gar nicht an, dass der Content lange vorgehalten wird. Nach 2 Wochen hat man eine gute Chance, dass die Aufnahmen nach und nach im Nirvana verschwinden.
Stream ist halt direkt, live eben, und jeder Fehler, jeder Versprecher, jedes technische Problem, geht sofort raus an die Zuschauer, das kann manchmal ganz charismatisch rüberkommen, aber wenn man öfter solche Probleme hat, ist man auch schnell seine Zuschauer wieder los.
Durch recording und editing finde ich eher meine Zeit, mich um alles zu kümmern, ich kann mit hohen Bitraten und guter Qualität des Materials arbeiten, ich kann Colorgrading, Schärfe, Kontrast nachregulieren, ich kann mit ein paar Effekten spielen, ich kann nachvertonen, Ton nachbearbeiten, filtern, etc. Und das alles ohne Stress, ohne Zeitdruck und ohne den stetigen Gedanken "ob der Stream wohl schon wieder ruckelt?" im Hinterkopf. Und wenn ich Mist aufgenommen habe, kann ich auch einfach alles wegwerfen und neu anfangen, ohne das den Mist jemals jemand zu sehen bekommt.
Recorded Videos in guter Bild- und Ton-Qualität, mit gut ausgearbeitetem SEO und guten Thumbnails und Titeln sind. im Gegensatz zu Stream-Content, langlebig, es kann sich entwickeln, es hat Zeit zu reifen. Und mit wachsender Channel-Authority können auch ältere Videos nach und nach noch beliebter werden, es kann sogenannter Evergreen-Content draus werden, der über Jahre immer wieder Views generiert. Das passiert bei Streams eigentlich nie, 2-3 Tage, dann schaut niemand mehr rein, kann man wegwerfen. Und Twitch Streams auf YT konservieren geht zwar, aber auch da... klappte zumindest bei mir nie, dass da nachträglich wirklich nennenswerte Mengen rein schauten. Vor allem kann ich mit meinem alten i7 4790k, der langsam in die Jahre kommt 1440p60 aufnehmen und danach bearbeiten, auch wenn es Stunden dauert, aber am Ende kommt vernünftige Qualität raus, hinter der ich stehen kann und mag.
Ich versuche mich auf der einen Seite zwar vom Perfektionismus-Zwangsverhalten fern zu halten, weil einen das auch sehr schnell extrem langsam macht oder dazu bringt, dass man nur 3 Videos im Jahr fertig kriegt, aber ich habe trotzdem gewissen Qualitätsansprüche an mich selbst, und die konnte ich, zumindest mit meinen derzeitigen finanziellen Mitteln, nicht hinbekommen.
Und abseits von der reinen Technik arbeite ich derzeit erstmal daran, YT erstmal richtig zu verstehen und in mein Leben zu integrieren. Neben reinen Wissens-Sachen wie SEO, Thumbnails, etc richtig in den Griff zu kriegen, gibt es eine Menge andere Dinge zu lernen, die viel mehr Social sind, mit 30-50 Kommentaren am Tag zurecht zu kommen, lernen eine Community aufzubauen und zu halten, lernen meinen normalen Tagesablauf, meinen Job, meine Familie, meine Beziehung und die Zeitbedürfnisse die ein Kanal mit 5-7 Videos pro Woche hat, dauerhaft unter einen Hut zu bekommen, ohne, dass irgendein Teil davon darunter leiden muss. Etc, etc, ein Rattenschwanz der daran hängt, und den möchte ich erstmal richtig in den Griff bekommen.
Bei vielen Streamern geht es oft ja auch nicht um den Content an sich, der ist nur nebenbei, oft geht es darum, dass ein Streamer mit seiner Community abhängt, mit ihnen einfach nur quatscht und auf die Dinge im Chat reagiert. Bei manchen reicht es sogar, wenn sie hin und wieder gewissen Körperteile in die Kamera halten, und dann sind alle Zuschauer schon begeistert, der Rest ist dann gar nicht mehr so wichtig.
Lifestream ist da eher wie ein Straßenmusikant, man braucht zwar schon auch einiges an Talent dafür, aber man muss vor allem direkt mit der Menge im Publikum interagieren. Recorded-Content ist eher wie ein Theater-Stück, mit Textbuch, Regisseur, vorherigem Übungen und Suffleusen, Pausen, und außer Verbeugen am Ende, gibt es nicht soo viel Interaktion mit dem Publikum.
Wenn ich irgendwann mal das alles aus dem EffEff beherrsche und neben den Unkosten von Haus, Autos, Familie, Firma, etc 3-5 Tausend Euro überhabe um mir 2 richtig fette Rechner zusammen zu bauen, und mir extra nur fürs streamen einen eigenen Anschluß legen kann, vielleicht denk ich dann nochmal darüber nach, aber derzeit, nein, nichts für mich.
Sorry, war ein langer Text, aber das Thema berührte mich sehr lange Zeit, ehe ich irgendwann meine Entscheidung getroffen habe.